Seelenfisch
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schnappatmung

atme ein/fühlst du/wie sich deine lungen weiten/atme tief/das fleisch wird weit/so weit/so leicht/es bläht sich auf/ kriecht in die arme/stößt an den fingerkuppen ins freie/und wird zu einem perfekten dingpaar/wahre/vollendete flügel/atme/fliege/atme

auf den lippen ein lachen/es bricht durch dunkle schleier/die über die stirn jagen/wie sturmwolken über den abendhimmel/es seziert die tosende stille/in tausend einzeltöne/es kitzelt die gedankenstarre/bis sich das hirn vor lachen windet/wach auf/wach auf

atme/lebe/lache/liebe/spüre/renne/springe/tanze/träume/los/jetzt/los

worauf/noch/warten

29.1.07 18:41


Champagnersynapsen & Normalität

Ich bewache gerade ein friedliches Objekt mit friedlichen Mitarbeitern und bin mit den Gedanken weit, weit fort.

Aber während ich meine persönliche to do Liste durchgehe, stelle ich fest, dass da wieder dieses Funkeln mitschwingt. Silberne Begeisterung prickelt auf Synapsen und fährt mir tief ins Hirn.

 

Es ist wieder da! Diese Erregung, die Begeisterung eines „Ich will!“. Ich habe länger darauf warten müssen, als mir lieb war. Letztes Jahr war sie im Herbstwind mit den Blättern vom Baum geweht worden, die Begeisterung. Ausgelaugt, unproduktiv, kraftlos. Ich wollte nicht mehr zeichnen, ich wollte nichts von SF, Fandom und dem ganzen anderen Mist hören. Ich war permanent überarbeitet und völlig leer im Hirn. Die viel beschworene Kreativität zeigte mir den Stinkefinger und ließ mich mit mir allein zurück. Schlecht, denkt man, wenn man sich nur über diese eine Eigenschaft definiert. Was bleibt denn dann übrig?

Aber alles Zwingen half nichts.

Selbst in Holland, an der umtosten Wasserkante, war nichts zu machen. Lachen konnte ich, plaudern, spazieren gehen – aber nichts produzieren. Ich fühlte mich dick und doof, hatte Angst, so zu bleiben, ganz so als hätte ich zu lange geschielt und könnte nun die Augen nicht zurückrollen.

Dann, zurück in den alten vier Wänden, war der Druck umso größer. ‚Was ist denn nun?’ brüllte mich mein Leben an. ‚Du warst doch gerade in Urlaub, du bist erholt. Pack´s an – jetzt gibt es keine Ausreden mehr!’  

Da hieß es noch, eine Auftragsarbeit fertig zu stellen. Ohne Routine hätte ich es nicht geschafft. Das Cover wurde fertig, aber die Lust – die LUST – kehrte immer noch nicht zurück. Die Arbeit für den Dort.Con drängelt. Ich habe widerwillig meinen Anteil übernommen, habe pflichtgemäß etwas getan, nicht zu viel, gerade, damit es reicht. Und die Lust? Ein einziges Schweigen im Walde.

 

Jetzt ist sie wieder da. Die Lust auf den Dort.Con, die Vorfreude auf das fertige Buch – und ja, ich spüre ein leichtes Kribbeln in den Fingerspitzen. Und in den Zehen. Ich glaube, in nicht allzu ferner Zeit, werde ich wieder zum Stift greifen.

 

…ich habe dieses Gefühl vermisst. Früher war es immer wieder da: himmelhoch jauchzend, zu Tode betrübt. Dazwischen gab es nichts. Seit zwei Jahren bin ich in der nun dritten Therapie, um daran zu arbeiten. Die Normalität lernen, nenne ich es. Die Amplitudenausschläge meistern. Normalität ist toll im Alltag. Sie ist klasse, für alle administrativen Lästigkeiten, die den lieben langen Tag anfallen. Aber Normalität ist nicht nur Schutz. Sie ist der Grauschleier auf der Fensterscheibe, der nur die Hälfte des Sonnenlichts ins Zimmer lässt. Normalität ist die Steinwolle, die die Seele isoliert. Normalität ist ein Anti-Geschmacksverstärker der Empfindungen. Manchmal, so denke ich, ist Normalität echt scheiße…

29.1.07 17:47


Bergsteigen mit Nargh

Wir wandern auf einem schmalen Grat. Rechts und links gähnt uns ein Abgrund entgegen. Müde ist er, er hat heute schon viele Gipfelstürmer schlucken müssen. Er wartet nicht auf uns. Er streckt auch nicht seine schattigen kalten Finger nach unseren Knöcheln, um uns vorsätzlich zu Fall zu bringen. Wir sind ihm egal. Schluss mit der Paranoia. Gut.  Das lässt den Schritt schon leichter werden.

Doch dir ist das nicht bedrohlich genug. Also hockst du dich auf meine Seele, zerrst und reißt an meinen Komplexen, Ahnungen und Sorgen und machst dich richtig breit in mir. Bist du eifersüchtig? Ich gebe ja zu, dass du in der letzten Zeit nicht recht zum Zug gekommen bist. Da waren diese ganzen Sonnenstrahlen der Freude und des Erfolges. Die haben dich in den Schatten gestellt. Ich kann dich ja verstehen. Ich würde auch mit den Fäusten auf dem Boden herumtrommeln, wenn man mich so abschieben würde. Auf der anderen Seite musst du aber auch bedenken, dass du mein persönlicher Nargh bist. Ohne mich könntest du ergo nicht existieren. Also pass gut auf. Wenn ich durch dein Verhalten in Schieflage gerate, wenn wir im Folgenden in den Abgrund stürzen und ich mir dabei das Genick breche – dann kann das nicht in deinem Sinn sein. Denn bin ich nicht mehr – bist du es auch nicht.

Ich gehe davon aus, dass du zäher, widerspenstiger Bursche bist. Und intelligent.

Wie wäre es, wenn wir einen Deal abschließen würden? Du darfst jederzeit der hysterischen Ziege eins überbraten. Shht, sie schläft gerade. Du würdest mich damit vor ungewollten und riskanten Höhenflügen schützen und könntest dich in deiner Art dabei voll ausleben. Ich hingegen werde dich offiziell als einen Teil von mir anerkennen, werde dir den Platz einräumen, der dir zusteht, und nicht mehr gegen dich kämpfen.

Ich verpflichte mich, uns sicher bis zum Gipfel zu bringen, so weit die Füße tragen.

Du verpflichtest dich, mich dabei nicht zu sabotieren.

Keine Einflüsterungen, keine Kopfschmerzen, kein Albdruck.

Einverstanden?

Gut.

20.1.07 12:21


Renovieren

Sie sah sich in ihrem Zimmer um. Die Ärmel bis zu den Ellenbogen aufgekrempelt, die schweißnassen Strähnen in der Stirn, atmete sie tief durch. Es war an der Zeit gewesen, einen Strich zu ziehen. Nun hatte sie erfolgreich das Gerümpel der Vergangenheit entfernt. Die leidende Madonna, die sie in der Nacht zu ihrem 24.ten Geburtstag wie im Fieberwahn auf die Leinwand gebannt hatte, hatte über die Jahre ein Selbstbild konserviert, das sie so nicht mehr ertragen konnte. Sie war nicht länger das depressive, geknechtete Opfer ihres Selbst. Das geflügelte Herz, ihre auf Spanplatte gepinselte Trauer um den Stiefvater, hatte seinen tieferen Sinn verloren, nun da die Trauer schon seit Jahren bewältigt war. Die Gesichtslose Figur, die, beide Arme weit ausgebreitet, das Symbol der Sehnsucht nach Wärme, Akzeptanz und Geborgenheit schlechthin gewesen war, war überflüssig geworden. Denn alles, nach dem sie sich damals gesehnt hatte, ist in den letzten Jahren wahr geworden. Da gab es das Bild, welches sie gleich nach dem ersten Treffen mit ihrem jetzigen Mann malen musste, um nicht durchzudrehen – auch hier hatte sich die Hoffnung in Realität verwandelt, war die Farbe nicht länger ein auf Leinwand gebanntes Gebet.

Fast alles was an den Wänden gehangen hatte, waren Mahnmale. Und sie hatte lange mit ihnen gelebt. Um ihre Wurzeln nicht zu vergessen, wie sie sich immer sagte. Doch jetzt war es an der Zeit, den Blick von der Vergangenheit zu lösen und auf den Horizont zu richten.

Nachdem sie die Regale verrückt und damit die Trennung zwischen Computerarbeitsplatz und Wohnzimmer wieder aufgehoben hatte, holte sie tief Luft. Endlich frei. Keine Wände, die sie einschlossen, kein Ort, an den sie sich selbst wegsperrte.

Die nächsten Tage waren hart. Der veränderte Anblick wühlte unangenehm im Magen. Schon war sie versucht, alles wieder rückgängig zu machen. Doch eines Morgens hatte sie sich daran gewöhnt. Auf einmal war ihr klar, dass sie die Freiheit besaß, alles zu machen, was sie wollte. Es war ihr Zimmer. Sie musste es mögen. Niemand sonst. Und auf einmal stand die Tür zu ihrem Selbst weit offen. Sie lachte, als ihre Phantasie über die kahlen Wände galoppierte. Von Englisch Grün in Verbindung mit einem gesitteten Cremeweiß, über ein pastelliges Lindgrün, kam sie wie von selbst bei Rosa an. In ihrer Vorstellung gesellten sich helle Vorhänge, opulente goldene Bilderrahmen und Schaffelle dazu. Kitsch? dachte sie vergnügt. Ja! Einmal in meinem Leben möchte ich mir das Zimmer einrichten, dass ich schon immer haben wollte. Wenn nicht jetzt, wann dann?

Und jetzt kann ich es nicht erwarten, endlich mit dem Streichen anzufangen. Die weißen Streifen, die die Farbflächen trennen werden, müssen noch angezeichnet und abgeklebt werden. Mein Liebster hatte vorsorglich ausgiebig gestöhnt – solange, bis ich ihm sagte, dass das Streichen meine Sache sei. Denn das werde ich mir nicht nehmen lassen. Dieses ganze Projekt ist mein Ding. Mit jedem Pinselstrich male ich meine Persönlichkeit an die Wand.

Ich hätte nie, gedacht, dass mir eine einfache Renovierung so unter die Haut gehen würde. Das hat nichts mehr mit einfachem Entrümpeln zu tun, es ist ein Befreiungsschlag. Die alten Schulbücher, die heute noch in meinen Regalen liegen, die Reclam-Hefte aus der Oberstufe, die Lehrbücher aus dem Studium, das nie beendet wurde, werden weichen. Schluss damit – sie sind kontraproduktiv, in dem sie mir immer wieder zeigen, was ich alles nicht geschafft habe. Lieber reihe ich dort die Belegexemplare meiner Veröffentlichungen der jüngsten Vergangenheit und der nahenden Zukunft auf.

Ich sagte letztens, dass ich in meiner Kindheit irgendwann einmal auseinander gefallen bin. Außenwelt und Innenwelt waren nicht länger kongruent. Inzwischen hat sich das gegeben. Ich könnte sagen, dass ich endlich wieder zusammengefallen bin. Und da ich kein Souffle bin – ist das durchaus begrüßenswert.

In diesem Sinn – ab dafür!

13.1.07 15:36


Abendliebe

Du legst deinen Kopf
in meinen Schoß
Müde, sagst du,
bist du
und suchst Trost
nach dem Tag dort draussen,
der nicht der deine war.

Ich blicke auf dich herab
vom Küchentisch
wiege dich unwesentlich
und streichle den
Alltagsschmutz
fort
dort
der nicht der deine ist.
18.12.06 14:19


Der Traum vom Fischbassin

Es ist kalt. Graue Wolken klumpen sich an einem Himmel zusammen, den keiner haben will. Der Park ist verlassen, die Bäume bar jeder leuchtenden Herbstfarbe. Das Laub liegt träge am Boden. In der Mitte einer langen Allee ist eines dieser wundervoll altmodischen Steinbassins eingelassen, die im Sommer zu einer Rast einladen. Setz dich und kühle deine Füße, singt es in den sprühenden Fontänen. Doch es ist Herbst, Winter beinahe schon, und das Wasser ist genauso kalt und stumm wie der Stein, der es umgibt. Ich bin der einzige Mensch, und ich stehe an der kurzen Seite. >Steig ins Wasser und schwimm eine Bahn. Eine kurze reicht, ich bin ja nicht so. Es ist halt kalt.< Ich weiß nicht von wem ich diese Anweisung erhalten habe, aber sie pulst deutlich durch mein Hirn, durch meinen ganzen Körper. Das ist die Aufgabe, die mir gestellt wurde. Ich kann sie entweder erfüllen oder schon im Vorfeld versagen. Das Becken ist nicht tief. Laub schwimmt auf dem Wasser. Laub liegt am Boden des Bassins. Dicke Karpfen schwimmen dort herum. Ich wundere mich, wie sie in dieses Becken gekommen sind – aber nur kurz, denn eigentlich ist mir das Schicksal der Fische relativ egal. Meines ist mir im Augenblick wichtiger. Ich will nicht in das Becken hinein, will nicht die Fische berühren, weil ich es als eklig empfinde. Schwimm oder versage. Ich schaue mir die Fische genau an. Irgendwann kann ich mich selbst überzeugen, dass es ungefährliche, schleimige Fische sind, die vor mir wahrscheinlich ebensolche Angst haben, wie ich vor ihnen. Ich beziehe Stellung am Einstieg, klettere die wenigen Stufen hinunter. Das Wasser ist kalt, so kalt. Der Atem stockt. Dann beginne ich zu schwimmen. Am Anfang mag es nicht recht gelingen. Ich paddle wie ein Hund, da Arme und Beine schockgefrostet nicht gehorchen wollen. Ich spüre die Fische, aber es ist wirklich nicht so schlimm, wie ich befürchtet hatte. Dann gewöhne ich mich an das Wasser. Es fließt jetzt wie kühle Seide über meine Haut. Ich wärme auf, das Paddeln wird zu einem trägen Gleiten. Ich bin froh, die Herausforderung angenommen zu haben. Ein großartiges Gefühl von Eleganz und Sinnlichkeit. Derart entspannt tauche ich mein Gesicht in das Wasser, öffne die Augen. Ich will alles sehen. An der Wand des Bassins entdecke ich etwas Graues. Es sieht nicht aus wie ein Karpfen – die mich inzwischen alle in Ruhe lassen. Als ich mich mit einem sanften Schwung meiner Füße näher bewege, merke ich, dass es ein Krokodil ist. Und weiter vorne, auf dem Weg zum Ausgang liegt noch eines. Größer noch und fetter, als das erste. Mein Herz setzt einen Schlag aus. Ich weiß nicht, was ich machen soll. Gefangen auf halber Strecke stehen meine Chancen 50:50, das hier heil zu überleben. soll ich eine Rückenrolle wagen, um zurück zu schwimmen? Wahrscheinlich würde ich zuviel Wasser aufwirbeln, das Krokodil wird aufwachen und dann – Good Bye, Baby. Aus dem Wasser springen? Das Bassin ist nicht tief, ich kann in dem Wasser stehen. Es geht mir nur bis zur Brust. Aber diese Variante geht auch nicht, denn das Vieh liegt direkt an der Wand. Ich bin nicht gelenkig genug, um Wasser und Tier zu überwinden. Also muss ich weiter schwimmen. Erstaunlich, wie viele Gedanken einem durch den Kopf rasen – während eines Herzschlages. Ich muss vorsichtig sein. Ich darf das Wasser eigentlich gar nicht berühren. Streichle dich hindurch – atme flach- spann dich an - konzentrier dich! Das elegante Schweben, das Gefühl der Sinnlichkeit ist vergessen. Schon fühlen sich Arme und Beine wie totes Holz an. Muskeln klumpen zusammen, der Atem rasselt tief in der Lunge. Ich komme voran, ich komme voran. Ein Blick zurück zum Krokodil, lässt den Atem erneut stocken. Sein linkes Auge ist offen. Es beobachtet mich. Ich will dir nichts tun, denke ich. Ich wollte deinen Schlaf nicht stören, ich will deine Wege nicht kreuzen – das Bassin wird dein Revier bleiben. Bitte, bleib liegen! Es bewegt sich nicht. Irgendwann schließt es das Auge. Ich versuche, an mein Glück zu glauben. Wende den Kopf nach vorne, konzentriere mich. Einatmen, ausatmen, einatmen, Arm links, Arm recht, ausatmen, linkes Bein, rechtes Bein, einatmen. Da kreuzt ein Karpfen meinen Weg. Ich erschrecke mich, schlucke Wasser, keuche und pruste – und sacke ab. Meine Füße tasten nach dem Boden. Der rechte landet auf etwas Rauem. Das sind nicht die glatten Fliesen des Bassins, denke ich. Dann denke ich nichts mehr. Das zweite Krokodil, das ich in meiner Anstrengung vollkommen vergessen habe, ist durch den Fußtritt erwacht. Das Wasser beginnt zu brodeln und mein verzweifelter Fluchtversuch endet mit dem Tod. Die Wellen beruhigen sich schon bald wieder. Das Wasser ist jetzt rot. Aber ansonsten ist alles still und ruhig. Das ist ein Traum, den ich leider zeitlich nicht mehr genau zuordnen kann. Es ist einer von vieren, die ich nicht vergessen kann – der aktuellste, dabei aber sicher schon drei oder vier Jahre alt. Seltsamerweise ist es einfacher, ihn niederzuschreiben, als ihn zu erzählen. Traumdeutungen sind ja immer sehr persönliche Dinge – und ich frage mich natürlich, was es mit der Stimme, den Tieren und dem ganzen Setting auf sich hat. Vor drei Jahren habe ich mich von meinem Mann getrennt. Habe ein neues Leben begonnen. Alleine. War es die Angst vor etwas Neuem? Ich ging arbeiten – hatte aber für ein Jahr die Garantie auf 500€ Unterhalt. Selbst wenn ich die Arbeit verloren hätte, wäre ich nicht sofort untergegangen. Das Bassin als Sinnbild meiner finanziellen Situation? Ich habe mich in der Gegenwart von anderen Menschen nie richtig wohl gefühlt, hatte so oft wie möglich meinen Mann vorgeschickt. Nun musste ich selber in Kontakt treten. Die Karpfen? Irgendwann hat es Spaß gemacht, mit ihnen zu schwimmen. Irgendwann hat es Spaß gemacht, in die Eckkneipe zu gehen. Es hat Spaß gemacht, andere Menschen kennen zu lernen. Ich habe mich sexy gefühlt, attraktiv. Alles ist gut – bis das Krokodil auftaucht. Wer ist das? Welche Gefahr steckt dahinter, welche Angst? Angst, zu versagen? Angst, vor der eigenen Tiefe? Es läuft viel zu gut, hat es lange Zeit in mir geflüstert. Irgendwann fällst du gewaltig auf die Fresse. Solange ich schön an der Oberfläche blieb, war alles gut. Oberfläche. Im Traum ist mir ein Karpfen in den Weg geschwommen. Laut der gerade aufgestellten Theorie also ein Mensch. Ein Mensch lässt mich aus dem Takt geraten. Einatmen, ausatmen, einatmen, ausatmen – weiterschwimmen, vorsichtig, achtsam. Ein Mensch schafft es, dass ich schlafende Krokodile wecke. Bei meiner Therapeutin habe ich noch abgestritten, dass die Krokodile Anteile meines Selbst repräsentieren. Inzwischen bin ich mir nicht so sicher. Sie könnten die Depressionen symbolisieren. Die Ängste, die ich nie ganz abgelegt habe. Nehmen wir dann noch an, dass der fette Karpfen einen Namen hat, der mit A beginnt und mit O endet, dann erinnert mich das an den Abend, an dem ich meinen zweiten Mann kennen gelernt habe. Ein Abend und schon war er in meinem Hirn. In meinem Herz. Überall. Ich musste zum Palettmesser greifen, um das unbestimmte, unbegreifliche, namenlose Gefühl, das er zu dem Zeitpunkt noch war, pastos auf die Leinwand zu bannen. Als wir schlussendlich zusammengekommen sind, habe ich ihn gewarnt. Habe gesagt, dass ich nicht der fröhliche Mensch bin, den er bisher immer gesehen hat. Das Zusammensein mit ihm war wunderschön und gleichzeitig schwer. Denn das neue Glück stellte das alte in Frage. Die Depressionen schlichen sich wieder in mein Leben. Und der Schmerz hat mich fast umgebracht. Da ich immer noch nicht genau weiß, wann ich diesen Traum genau gehabt habe, ist das alles nur Spekulation. Es ist aber immerhin erstaunlich, wie die Puzzleteile passen – über einen längeren Zeitraum hinweg. Wahrscheinlich ging es grundsätzlich um die Angst vor einem Neubeginn. Vor einem neuen Mann. Ich weiß es nicht. Allerdings weiß ich, dass mich das Krokodil der Depression im wahren Leben nicht erledigt hat. Es hat zugebissen, aber die Wunde heilt. Ich glaube, der dicke Karpfen hat mir dabei Rückendeckung gegeben. Inzwischen sitze ich am Bassin und behalte es im Auge. Übrigens sind inzwischen ein paar sehr schöne Sommer ins Land gegangen. Das Krokodil ist ein Krokodil, es verhält sich, wie Krokodile es nun einmal tun. Sie schnappen zu wenn sie hungrig sind. Und schlafen lange, um den Bissen zu verdauen. Sie meinen es nicht persönlich. Ich habe keine Angst mehr vor ihnen. Ich bin ihnen nicht böse. Manchmal halte ich die Füße ins Becken, um mit den Karpfen zu spielen. Und irgendwie fühlt es sich ganz normal an.
2.11.06 20:37


Fürchtet Euch nicht

Eigentlich ist es noch zu früh für die Weihnachtsgeschichte. Aber eben bin ich beim sinnlosen Zappen in das Ende einer Folge von "Eine himmlische Familie" gestossen, in der die Großfamilie auf dem Sofa versammelt war und der Vater ihnen die Weihnachtsgeschichte vorlas.

Und wie immer sprangen mir die Tränen aus den Augen - an der Stelle, als Gabriel den Hirten auf dem Feld die Geburt des Heilands verkündet. Ich vermute, dass es diese simplen Worte sind - "Fürchtet euch nicht." - die mich jedesmal wieder berühren.

Fürchtet euch nicht. Denn da ist etwas, das Euch beschützt. Ihr seid nicht allein in der Dunkelheit.

Als Kind habe ich oft Angst gehabt. Vor meiner Mutter, vor Schulkameraden, vor der Welt. Vor mir. Wenn ich mich an meine Kindheit erinnere, dann ist das zwiespältig. Auf der einen Seite wusste ich, dass meine Mutter mich liebt. Sie hat es mir oft gesagt, hat mich oft in den Arm genommen- Auf der anderen Seite hat sie mich geschlagen und eingesperrt. War nicht da. Meine Schwester hielt den Druck nicht aus, ging auf Trebe, ließ mich mit zwei Alkoholikern zurück.  Ich wurde Zeuge ihrer Streitereien. Ich habe miterlebt, wie meine Mutter mit dem Messer auf meinen "Daddy" losging, als habe sie das Recht dazu. Ich stand daneben und grinste blöd, weil ich sonst geheult hätte. Ich wollte das nicht sehen. Ich wollte das nicht miterleben. Wer hätte mir in dieser Situation sagen können, dass alles gut ist? Dass alles gut werden würde?

Ich bin mit Gott aufgewachsen. Es wurde keine große Sache darum gemacht. Ich besuchte wie selbstverständlich den Kindergottesdienst, den Religionsunterricht, den Konfirmandenunterricht. Gott war mein unsichtbarer Begleiter, um den ich nie ein Aufheben gemacht habe. Ich wusste einfach, dass er da war und das mir nie etwas wirklich schlimmes passieren könnte. Als ich mit 16 versucht habe, mich zu töten, hat es nicht geklappt. Im Nachhinein bin ich dankbar darum.

Fürchtet euch nicht.

Meiner Freundin sagte ich einmal, ich wäre wie eine Katze die immer wieder auf die Füße fällt. Ein Stehaufmännchen. Irgendwann geht es immer irgendwie weiter. Und ich glaube, dass es irgendwo da draussen, fern der Erde und der momentanen Realität, jemanden gibt, der mich wahnsinnig lieb haben muss.

Meine Schwester hatte sich auch mit Gott beschäftigt. Auch sie hat ihre Zuflucht im Glauben gesucht. Ich weiß nicht, wie es jetzt bei ihr aussieht - ob sie sich immer noch so mit Gott herumschlägt wie früher. Ich kann mich erinnern, dass sie eine zeitlang zu verschiedenen Bibelkreisen gegangen ist. Zu einem hat sie mich dann mitgenommen. Am Anfang dachte ich noch Och, nö, das ist nicht mein Ding. Lauter Heilige um mich herum, dass ist ja nicht zum Aushalten. Aber entgegen meiner Befürchtungen gefiel es mir dort sehr gut. Die Leute waren nett, es war eine schöne Atmossphäre und die Bibellesungen entarteten immer in herrliche Interpretationsrunden. Bis meine Schwester eines Nachts, als sie mich nach einem der Treffennach Hause fuhr, sagte, dass sie mich beneiden würde. Sie hätte allzuviele Zweifel an Gott, würde mit ihm kämpfen wegen der Dinge, die in ihrem , in unserem Leben geschehen wäre. Mir hingegen schien der Zugang so leicht zu fallen, so selbstverständlich - und sie würde alles darum geben, eben diese Leichtigkeit im Umgang mit Gott zu erreichen. Damals nannte sie mich eine Lebenskünstlerin.  - Danach hielt ich mich von den Treffen fern. Ich wollte ihr den Kreis nicht durch meine Anwesenheit verleiden.

Gott ist meine Privatsache. Ich missioniere nicht. Manchmal, in seltenen Fällen, erzähle ich von dieser Beziehung im Hintergrund. So wie jetzt - an sich aber denke ich, dass es an jedem selbst liegt, ob er sich für das göttliche Prinzip öffnet oder nicht. Es wird immer einen Grund haben, warum sich jemand dagegen ausspricht. Und ich habe nicht das Recht, ihn mit Worten von etwas anderem zu überzeugen. Dieses Wissen muss im Inneren wachsen.

Ich strebe nicht nach Erleuchtung. Ich setze mich nicht dem Stress aus, in diesem einen Leben ein "besserer" Mensch zu werden. Denn ich bin jetzt so wie ich bin. Wie ich in meinem nächsten Leben einmal sein werde, kann ich jetzt noch nicht sagen - dafür müsste ich ja schon jetzt wissen, wo ich am Ende meines jetzigen Lebens stehe. Wenn es denn einmal so weit sein soll, bitte. Ich werd´s merken. Bis dahin erfülle ich den ursprünglichsten Auftrag meines Daseins: ich lebe. Und versuche, den Menschen mehr zu geben, als zu schaden. Und bei allem, was noch kommen mag, klingt eine Stimme Hintergrund.

Fürchte dich nicht.

Es wird alles gut.

 

26.10.06 14:03


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