Seelenfisch
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Rotkäppchens Rache

Rotkäppchen hat überlebt. Doch was ist aus dem kleinen Mädchen geworden?

Das Märchen wurde früher erzählt, um Kinder vor Fremden zu schützen. Heute hat es nicht mehr die gleiche Wirkung. Die Schauplätze sind andere. Heute braucht es keinen dunklen Wald mehr. Wenn ich immer wieder lesen muß, dass Kinder auf offener Strasse entführt werden, später mißbraucht und getötet - dann wünschte ich mir manchesmal, dass der Spieß umgedreht wird. Rotkäppchen rächt sich. Die Wölfe sind nicht mehr sicher.
Doch dieses Bild zeigt mehr. Rotkäppchen ist zu einer leeren Hülle geworden. Man sieht das Gesicht nicht, stattdessen nur Dunkelheit. Der Korb ist leer - wo ist die Fülle der kleinen Persönlichkeit hin? Damit steht dieses Rotkäppchen nicht nur für Opfer von Gewaltverbrechen, sondern für alle Kinder, die in irgendeiner Weise missbraucht wurden.
Rache ist eine menschliche Reaktion, die den Rächer entmenschlicht.
Soweit darf es nicht kommen.


Immer, wenn ich so ein Rotkäppchen sehe, oder von einem lese, bin ich hilflos. Wütend. Zornig. Und doch - hilflos.
19.10.06 15:33


Fürchtet Euch nicht

Eigentlich ist es noch zu früh für die Weihnachtsgeschichte. Aber eben bin ich beim sinnlosen Zappen in das Ende einer Folge von "Eine himmlische Familie" gestossen, in der die Großfamilie auf dem Sofa versammelt war und der Vater ihnen die Weihnachtsgeschichte vorlas.

Und wie immer sprangen mir die Tränen aus den Augen - an der Stelle, als Gabriel den Hirten auf dem Feld die Geburt des Heilands verkündet. Ich vermute, dass es diese simplen Worte sind - "Fürchtet euch nicht." - die mich jedesmal wieder berühren.

Fürchtet euch nicht. Denn da ist etwas, das Euch beschützt. Ihr seid nicht allein in der Dunkelheit.

Als Kind habe ich oft Angst gehabt. Vor meiner Mutter, vor Schulkameraden, vor der Welt. Vor mir. Wenn ich mich an meine Kindheit erinnere, dann ist das zwiespältig. Auf der einen Seite wusste ich, dass meine Mutter mich liebt. Sie hat es mir oft gesagt, hat mich oft in den Arm genommen- Auf der anderen Seite hat sie mich geschlagen und eingesperrt. War nicht da. Meine Schwester hielt den Druck nicht aus, ging auf Trebe, ließ mich mit zwei Alkoholikern zurück.  Ich wurde Zeuge ihrer Streitereien. Ich habe miterlebt, wie meine Mutter mit dem Messer auf meinen "Daddy" losging, als habe sie das Recht dazu. Ich stand daneben und grinste blöd, weil ich sonst geheult hätte. Ich wollte das nicht sehen. Ich wollte das nicht miterleben. Wer hätte mir in dieser Situation sagen können, dass alles gut ist? Dass alles gut werden würde?

Ich bin mit Gott aufgewachsen. Es wurde keine große Sache darum gemacht. Ich besuchte wie selbstverständlich den Kindergottesdienst, den Religionsunterricht, den Konfirmandenunterricht. Gott war mein unsichtbarer Begleiter, um den ich nie ein Aufheben gemacht habe. Ich wusste einfach, dass er da war und das mir nie etwas wirklich schlimmes passieren könnte. Als ich mit 16 versucht habe, mich zu töten, hat es nicht geklappt. Im Nachhinein bin ich dankbar darum.

Fürchtet euch nicht.

Meiner Freundin sagte ich einmal, ich wäre wie eine Katze die immer wieder auf die Füße fällt. Ein Stehaufmännchen. Irgendwann geht es immer irgendwie weiter. Und ich glaube, dass es irgendwo da draussen, fern der Erde und der momentanen Realität, jemanden gibt, der mich wahnsinnig lieb haben muss.

Meine Schwester hatte sich auch mit Gott beschäftigt. Auch sie hat ihre Zuflucht im Glauben gesucht. Ich weiß nicht, wie es jetzt bei ihr aussieht - ob sie sich immer noch so mit Gott herumschlägt wie früher. Ich kann mich erinnern, dass sie eine zeitlang zu verschiedenen Bibelkreisen gegangen ist. Zu einem hat sie mich dann mitgenommen. Am Anfang dachte ich noch Och, nö, das ist nicht mein Ding. Lauter Heilige um mich herum, dass ist ja nicht zum Aushalten. Aber entgegen meiner Befürchtungen gefiel es mir dort sehr gut. Die Leute waren nett, es war eine schöne Atmossphäre und die Bibellesungen entarteten immer in herrliche Interpretationsrunden. Bis meine Schwester eines Nachts, als sie mich nach einem der Treffennach Hause fuhr, sagte, dass sie mich beneiden würde. Sie hätte allzuviele Zweifel an Gott, würde mit ihm kämpfen wegen der Dinge, die in ihrem , in unserem Leben geschehen wäre. Mir hingegen schien der Zugang so leicht zu fallen, so selbstverständlich - und sie würde alles darum geben, eben diese Leichtigkeit im Umgang mit Gott zu erreichen. Damals nannte sie mich eine Lebenskünstlerin.  - Danach hielt ich mich von den Treffen fern. Ich wollte ihr den Kreis nicht durch meine Anwesenheit verleiden.

Gott ist meine Privatsache. Ich missioniere nicht. Manchmal, in seltenen Fällen, erzähle ich von dieser Beziehung im Hintergrund. So wie jetzt - an sich aber denke ich, dass es an jedem selbst liegt, ob er sich für das göttliche Prinzip öffnet oder nicht. Es wird immer einen Grund haben, warum sich jemand dagegen ausspricht. Und ich habe nicht das Recht, ihn mit Worten von etwas anderem zu überzeugen. Dieses Wissen muss im Inneren wachsen.

Ich strebe nicht nach Erleuchtung. Ich setze mich nicht dem Stress aus, in diesem einen Leben ein "besserer" Mensch zu werden. Denn ich bin jetzt so wie ich bin. Wie ich in meinem nächsten Leben einmal sein werde, kann ich jetzt noch nicht sagen - dafür müsste ich ja schon jetzt wissen, wo ich am Ende meines jetzigen Lebens stehe. Wenn es denn einmal so weit sein soll, bitte. Ich werd´s merken. Bis dahin erfülle ich den ursprünglichsten Auftrag meines Daseins: ich lebe. Und versuche, den Menschen mehr zu geben, als zu schaden. Und bei allem, was noch kommen mag, klingt eine Stimme Hintergrund.

Fürchte dich nicht.

Es wird alles gut.

 

26.10.06 14:03





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