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Der Traum vom Fischbassin

Es ist kalt. Graue Wolken klumpen sich an einem Himmel zusammen, den keiner haben will. Der Park ist verlassen, die Bäume bar jeder leuchtenden Herbstfarbe. Das Laub liegt träge am Boden. In der Mitte einer langen Allee ist eines dieser wundervoll altmodischen Steinbassins eingelassen, die im Sommer zu einer Rast einladen. Setz dich und kühle deine Füße, singt es in den sprühenden Fontänen. Doch es ist Herbst, Winter beinahe schon, und das Wasser ist genauso kalt und stumm wie der Stein, der es umgibt. Ich bin der einzige Mensch, und ich stehe an der kurzen Seite. >Steig ins Wasser und schwimm eine Bahn. Eine kurze reicht, ich bin ja nicht so. Es ist halt kalt.< Ich weiß nicht von wem ich diese Anweisung erhalten habe, aber sie pulst deutlich durch mein Hirn, durch meinen ganzen Körper. Das ist die Aufgabe, die mir gestellt wurde. Ich kann sie entweder erfüllen oder schon im Vorfeld versagen. Das Becken ist nicht tief. Laub schwimmt auf dem Wasser. Laub liegt am Boden des Bassins. Dicke Karpfen schwimmen dort herum. Ich wundere mich, wie sie in dieses Becken gekommen sind – aber nur kurz, denn eigentlich ist mir das Schicksal der Fische relativ egal. Meines ist mir im Augenblick wichtiger. Ich will nicht in das Becken hinein, will nicht die Fische berühren, weil ich es als eklig empfinde. Schwimm oder versage. Ich schaue mir die Fische genau an. Irgendwann kann ich mich selbst überzeugen, dass es ungefährliche, schleimige Fische sind, die vor mir wahrscheinlich ebensolche Angst haben, wie ich vor ihnen. Ich beziehe Stellung am Einstieg, klettere die wenigen Stufen hinunter. Das Wasser ist kalt, so kalt. Der Atem stockt. Dann beginne ich zu schwimmen. Am Anfang mag es nicht recht gelingen. Ich paddle wie ein Hund, da Arme und Beine schockgefrostet nicht gehorchen wollen. Ich spüre die Fische, aber es ist wirklich nicht so schlimm, wie ich befürchtet hatte. Dann gewöhne ich mich an das Wasser. Es fließt jetzt wie kühle Seide über meine Haut. Ich wärme auf, das Paddeln wird zu einem trägen Gleiten. Ich bin froh, die Herausforderung angenommen zu haben. Ein großartiges Gefühl von Eleganz und Sinnlichkeit. Derart entspannt tauche ich mein Gesicht in das Wasser, öffne die Augen. Ich will alles sehen. An der Wand des Bassins entdecke ich etwas Graues. Es sieht nicht aus wie ein Karpfen – die mich inzwischen alle in Ruhe lassen. Als ich mich mit einem sanften Schwung meiner Füße näher bewege, merke ich, dass es ein Krokodil ist. Und weiter vorne, auf dem Weg zum Ausgang liegt noch eines. Größer noch und fetter, als das erste. Mein Herz setzt einen Schlag aus. Ich weiß nicht, was ich machen soll. Gefangen auf halber Strecke stehen meine Chancen 50:50, das hier heil zu überleben. soll ich eine Rückenrolle wagen, um zurück zu schwimmen? Wahrscheinlich würde ich zuviel Wasser aufwirbeln, das Krokodil wird aufwachen und dann – Good Bye, Baby. Aus dem Wasser springen? Das Bassin ist nicht tief, ich kann in dem Wasser stehen. Es geht mir nur bis zur Brust. Aber diese Variante geht auch nicht, denn das Vieh liegt direkt an der Wand. Ich bin nicht gelenkig genug, um Wasser und Tier zu überwinden. Also muss ich weiter schwimmen. Erstaunlich, wie viele Gedanken einem durch den Kopf rasen – während eines Herzschlages. Ich muss vorsichtig sein. Ich darf das Wasser eigentlich gar nicht berühren. Streichle dich hindurch – atme flach- spann dich an - konzentrier dich! Das elegante Schweben, das Gefühl der Sinnlichkeit ist vergessen. Schon fühlen sich Arme und Beine wie totes Holz an. Muskeln klumpen zusammen, der Atem rasselt tief in der Lunge. Ich komme voran, ich komme voran. Ein Blick zurück zum Krokodil, lässt den Atem erneut stocken. Sein linkes Auge ist offen. Es beobachtet mich. Ich will dir nichts tun, denke ich. Ich wollte deinen Schlaf nicht stören, ich will deine Wege nicht kreuzen – das Bassin wird dein Revier bleiben. Bitte, bleib liegen! Es bewegt sich nicht. Irgendwann schließt es das Auge. Ich versuche, an mein Glück zu glauben. Wende den Kopf nach vorne, konzentriere mich. Einatmen, ausatmen, einatmen, Arm links, Arm recht, ausatmen, linkes Bein, rechtes Bein, einatmen. Da kreuzt ein Karpfen meinen Weg. Ich erschrecke mich, schlucke Wasser, keuche und pruste – und sacke ab. Meine Füße tasten nach dem Boden. Der rechte landet auf etwas Rauem. Das sind nicht die glatten Fliesen des Bassins, denke ich. Dann denke ich nichts mehr. Das zweite Krokodil, das ich in meiner Anstrengung vollkommen vergessen habe, ist durch den Fußtritt erwacht. Das Wasser beginnt zu brodeln und mein verzweifelter Fluchtversuch endet mit dem Tod. Die Wellen beruhigen sich schon bald wieder. Das Wasser ist jetzt rot. Aber ansonsten ist alles still und ruhig. Das ist ein Traum, den ich leider zeitlich nicht mehr genau zuordnen kann. Es ist einer von vieren, die ich nicht vergessen kann – der aktuellste, dabei aber sicher schon drei oder vier Jahre alt. Seltsamerweise ist es einfacher, ihn niederzuschreiben, als ihn zu erzählen. Traumdeutungen sind ja immer sehr persönliche Dinge – und ich frage mich natürlich, was es mit der Stimme, den Tieren und dem ganzen Setting auf sich hat. Vor drei Jahren habe ich mich von meinem Mann getrennt. Habe ein neues Leben begonnen. Alleine. War es die Angst vor etwas Neuem? Ich ging arbeiten – hatte aber für ein Jahr die Garantie auf 500€ Unterhalt. Selbst wenn ich die Arbeit verloren hätte, wäre ich nicht sofort untergegangen. Das Bassin als Sinnbild meiner finanziellen Situation? Ich habe mich in der Gegenwart von anderen Menschen nie richtig wohl gefühlt, hatte so oft wie möglich meinen Mann vorgeschickt. Nun musste ich selber in Kontakt treten. Die Karpfen? Irgendwann hat es Spaß gemacht, mit ihnen zu schwimmen. Irgendwann hat es Spaß gemacht, in die Eckkneipe zu gehen. Es hat Spaß gemacht, andere Menschen kennen zu lernen. Ich habe mich sexy gefühlt, attraktiv. Alles ist gut – bis das Krokodil auftaucht. Wer ist das? Welche Gefahr steckt dahinter, welche Angst? Angst, zu versagen? Angst, vor der eigenen Tiefe? Es läuft viel zu gut, hat es lange Zeit in mir geflüstert. Irgendwann fällst du gewaltig auf die Fresse. Solange ich schön an der Oberfläche blieb, war alles gut. Oberfläche. Im Traum ist mir ein Karpfen in den Weg geschwommen. Laut der gerade aufgestellten Theorie also ein Mensch. Ein Mensch lässt mich aus dem Takt geraten. Einatmen, ausatmen, einatmen, ausatmen – weiterschwimmen, vorsichtig, achtsam. Ein Mensch schafft es, dass ich schlafende Krokodile wecke. Bei meiner Therapeutin habe ich noch abgestritten, dass die Krokodile Anteile meines Selbst repräsentieren. Inzwischen bin ich mir nicht so sicher. Sie könnten die Depressionen symbolisieren. Die Ängste, die ich nie ganz abgelegt habe. Nehmen wir dann noch an, dass der fette Karpfen einen Namen hat, der mit A beginnt und mit O endet, dann erinnert mich das an den Abend, an dem ich meinen zweiten Mann kennen gelernt habe. Ein Abend und schon war er in meinem Hirn. In meinem Herz. Überall. Ich musste zum Palettmesser greifen, um das unbestimmte, unbegreifliche, namenlose Gefühl, das er zu dem Zeitpunkt noch war, pastos auf die Leinwand zu bannen. Als wir schlussendlich zusammengekommen sind, habe ich ihn gewarnt. Habe gesagt, dass ich nicht der fröhliche Mensch bin, den er bisher immer gesehen hat. Das Zusammensein mit ihm war wunderschön und gleichzeitig schwer. Denn das neue Glück stellte das alte in Frage. Die Depressionen schlichen sich wieder in mein Leben. Und der Schmerz hat mich fast umgebracht. Da ich immer noch nicht genau weiß, wann ich diesen Traum genau gehabt habe, ist das alles nur Spekulation. Es ist aber immerhin erstaunlich, wie die Puzzleteile passen – über einen längeren Zeitraum hinweg. Wahrscheinlich ging es grundsätzlich um die Angst vor einem Neubeginn. Vor einem neuen Mann. Ich weiß es nicht. Allerdings weiß ich, dass mich das Krokodil der Depression im wahren Leben nicht erledigt hat. Es hat zugebissen, aber die Wunde heilt. Ich glaube, der dicke Karpfen hat mir dabei Rückendeckung gegeben. Inzwischen sitze ich am Bassin und behalte es im Auge. Übrigens sind inzwischen ein paar sehr schöne Sommer ins Land gegangen. Das Krokodil ist ein Krokodil, es verhält sich, wie Krokodile es nun einmal tun. Sie schnappen zu wenn sie hungrig sind. Und schlafen lange, um den Bissen zu verdauen. Sie meinen es nicht persönlich. Ich habe keine Angst mehr vor ihnen. Ich bin ihnen nicht böse. Manchmal halte ich die Füße ins Becken, um mit den Karpfen zu spielen. Und irgendwie fühlt es sich ganz normal an.
2.11.06 20:37
 


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