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Renovieren

Sie sah sich in ihrem Zimmer um. Die Ärmel bis zu den Ellenbogen aufgekrempelt, die schweißnassen Strähnen in der Stirn, atmete sie tief durch. Es war an der Zeit gewesen, einen Strich zu ziehen. Nun hatte sie erfolgreich das Gerümpel der Vergangenheit entfernt. Die leidende Madonna, die sie in der Nacht zu ihrem 24.ten Geburtstag wie im Fieberwahn auf die Leinwand gebannt hatte, hatte über die Jahre ein Selbstbild konserviert, das sie so nicht mehr ertragen konnte. Sie war nicht länger das depressive, geknechtete Opfer ihres Selbst. Das geflügelte Herz, ihre auf Spanplatte gepinselte Trauer um den Stiefvater, hatte seinen tieferen Sinn verloren, nun da die Trauer schon seit Jahren bewältigt war. Die Gesichtslose Figur, die, beide Arme weit ausgebreitet, das Symbol der Sehnsucht nach Wärme, Akzeptanz und Geborgenheit schlechthin gewesen war, war überflüssig geworden. Denn alles, nach dem sie sich damals gesehnt hatte, ist in den letzten Jahren wahr geworden. Da gab es das Bild, welches sie gleich nach dem ersten Treffen mit ihrem jetzigen Mann malen musste, um nicht durchzudrehen – auch hier hatte sich die Hoffnung in Realität verwandelt, war die Farbe nicht länger ein auf Leinwand gebanntes Gebet.

Fast alles was an den Wänden gehangen hatte, waren Mahnmale. Und sie hatte lange mit ihnen gelebt. Um ihre Wurzeln nicht zu vergessen, wie sie sich immer sagte. Doch jetzt war es an der Zeit, den Blick von der Vergangenheit zu lösen und auf den Horizont zu richten.

Nachdem sie die Regale verrückt und damit die Trennung zwischen Computerarbeitsplatz und Wohnzimmer wieder aufgehoben hatte, holte sie tief Luft. Endlich frei. Keine Wände, die sie einschlossen, kein Ort, an den sie sich selbst wegsperrte.

Die nächsten Tage waren hart. Der veränderte Anblick wühlte unangenehm im Magen. Schon war sie versucht, alles wieder rückgängig zu machen. Doch eines Morgens hatte sie sich daran gewöhnt. Auf einmal war ihr klar, dass sie die Freiheit besaß, alles zu machen, was sie wollte. Es war ihr Zimmer. Sie musste es mögen. Niemand sonst. Und auf einmal stand die Tür zu ihrem Selbst weit offen. Sie lachte, als ihre Phantasie über die kahlen Wände galoppierte. Von Englisch Grün in Verbindung mit einem gesitteten Cremeweiß, über ein pastelliges Lindgrün, kam sie wie von selbst bei Rosa an. In ihrer Vorstellung gesellten sich helle Vorhänge, opulente goldene Bilderrahmen und Schaffelle dazu. Kitsch? dachte sie vergnügt. Ja! Einmal in meinem Leben möchte ich mir das Zimmer einrichten, dass ich schon immer haben wollte. Wenn nicht jetzt, wann dann?

Und jetzt kann ich es nicht erwarten, endlich mit dem Streichen anzufangen. Die weißen Streifen, die die Farbflächen trennen werden, müssen noch angezeichnet und abgeklebt werden. Mein Liebster hatte vorsorglich ausgiebig gestöhnt – solange, bis ich ihm sagte, dass das Streichen meine Sache sei. Denn das werde ich mir nicht nehmen lassen. Dieses ganze Projekt ist mein Ding. Mit jedem Pinselstrich male ich meine Persönlichkeit an die Wand.

Ich hätte nie, gedacht, dass mir eine einfache Renovierung so unter die Haut gehen würde. Das hat nichts mehr mit einfachem Entrümpeln zu tun, es ist ein Befreiungsschlag. Die alten Schulbücher, die heute noch in meinen Regalen liegen, die Reclam-Hefte aus der Oberstufe, die Lehrbücher aus dem Studium, das nie beendet wurde, werden weichen. Schluss damit – sie sind kontraproduktiv, in dem sie mir immer wieder zeigen, was ich alles nicht geschafft habe. Lieber reihe ich dort die Belegexemplare meiner Veröffentlichungen der jüngsten Vergangenheit und der nahenden Zukunft auf.

Ich sagte letztens, dass ich in meiner Kindheit irgendwann einmal auseinander gefallen bin. Außenwelt und Innenwelt waren nicht länger kongruent. Inzwischen hat sich das gegeben. Ich könnte sagen, dass ich endlich wieder zusammengefallen bin. Und da ich kein Souffle bin – ist das durchaus begrüßenswert.

In diesem Sinn – ab dafür!

13.1.07 15:36
 


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